Ich kaufe, also bin ich! Ein Erlebnisprotokoll

Frau mit EinkaufsütenUhrzeit: 13:05
Außentemperatur: 12,7° Celsius
Wetter: bewölkt
Stimmung: nervös, bedrückt, einsam

Als erstes ins Schuhgeschäft. Ich will mir die Ballerinas aus der Werbung kaufen. Ein Sonderangebot. Da kann ich nicht nein sagen. Da die Farbauswahl von hellgelb über rot bis tief-schwarz alles zu bieten hat, kaufe ich direkt zwei Paar. Nachdem ich mit dem Aussuchen der Ballerinas fertig bin, springen mir direkt die schicken Stiefel ins Auge. Zwar ist der Winter vorbei und man braucht sie eigentlich nicht mehr. Aber sie sind so schön. Und so bequem. Ich mache mich mit den zwei Paar Ballerinas und dem Paar Stiefel unter dem Arm auf den Weg zur Kasse. Da sehe ich noch ein Paar tolle Sneaker. Ich habe zwar schon ähnliche, aber was soll’s? Nichts hält ewig. Überglücklich über die Schuhe, die schon in wenigen Augenblicken mein sein werden, stelle ich mich am Ende der Schlange an. Als ich dran bin, zücke ich die Kreditkarte – meine Kreditkarte. Mit den zwei Taschen unter dem Arm mache ich mich auf ins nächste Geschäft. Klamotten. Schließlich brauche ich passende Sachen zu meinen neuen Schuhen. Mit einem breiten Grinsen gehe ich ins Geschäft. Der Rock, der Rock, der Rock. Den MUSS ich haben. Ich stürme kreischend los. Ernte zwar einige verwirrte Blicke, aber die kümmern mich recht wenig. Nicht, dass ihn mir jemand anders wegschnappt. Angekommen suche ich mir die passende Größe und schnappe mir sofort noch ein passendes Top dazu. Zeit zum Anprobieren ist nicht. Der nächste Laden schreit schon nach mir. Ein Kleid fällt mir sofort ins Auge. Meine Freundinnen werden mich auf der nächsten Party beneiden. Gelb vor Neid werden sie sein. Alle werden mich beachten. Das Kleid muss ich kaufen. Und warum nicht gleich noch die Kette dazu? Meine geliebte Kreditkarte wird heute zum dritten Mal gezückt. Nach zwei weiteren Klamottenläden, einer Jeans, 2 T-Shirts und einer karierten Bluse ist Halbzeit. Hunger.

Uhrzeit: 15:29
Außentemperatur: 14,3° Celsius
Wetter: leicht bewölkt
Stimmung: glücklich, zufrieden, akzeptiert

Frau mit EinkaufstütenWeiter geht’s! Der nächste Klamottenladen wird angesteuert. Zack, ist ein weiteres Kleid gekauft. Ein weiterer Glücksmoment. Was will man mehr? Anschließen komme ich an einem Schuhladen vorbei. Nach einem Blick ins Schaufenster ist mir klar: Da muss ich rein. Schon wandert die Kreditkarte wieder über den Tresen. Meine Kreditkarte. Was würde ich nur ohne sie machen? Wer braucht schon Bargeld? Und jetzt ab in den Schmuckladen. Zu so vielen neuen Klamotten müssen die richtigen Ketten, Armbänder und Ohrringe her. Nachdem ich fast das ganze Sortiment aufgekauft habe, merke ich, dass ich kaum noch alle Taschen tragen kann. Also steuere ich nur noch eine Parfümerie an. Ich gucke mich ein bisschen um. Dann kommt auch schon die Verkäuferin, um mich zu beraten. Ich werde beachtet, man kümmert sich um mich – ein herrliches Gefühl! Da sie so freundlich ist und mich gut berät, kaufe ich zu dem Parfüm für den Tag noch das passende für die Nacht dazu. Genug für heute. Der Nachmittag ist vorbei. Ich konnte all meine Sorgen vergessen und bin glücklich.

Geschlagenen 4 Stunden und 47 Minuten später. 17:52 Uhr. 489,39 € weniger auf dem Konto. Ein „erfolgreicher“ Shoppingtrip. Zu Hause. Erster Gedanke: „Oh Gott, hab ich das wirklich alles gekauft?!“

 

Harmlos oder behandlungsbedürftig?

Frau beim SchuhkaufSo oder so ähnlich könnten viele Tage im Leben eines „Shopaholics“ aussehen. Kaufsucht. Eine Zwangsstörung. Ein ernsthaftes Problem. Oniomanie ist das Fachwort für diese psychische Störung. Häufige Ursachen sind ein vermindertes Selbstwertgefühl, Ängste, Depressionen und Minderwertigkeitsgefühle. Das Ziel eines Shoppingtrips ist für die Betroffenen daher nicht der Besitz der Güter, sondern vielmehr der Versuch, Stress und Depressionen abzubauen und Annerkennung zu finden. Durch den Kauf werden Depressionen betäubt, Glücksgefühle ausgelöst. Kaufen vermittelt gewöhnlich das Gefühl, sich etwas Gutes zu tun. Die Formel heißt: Ich kaufe, also bin ich. Beim Kaufen hat der Betroffenen das Gefühl beachtet zu werden. Folge davon ist die Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls. Er fühlt sich aufgewertet. Kaufen wirkt daher für Betroffenen wie eine Beruhigung. Es werden häufig bestimmte Warengruppen bevorzugt (z.B. Schuhe). Oft werden die gekauften Sachen zu Hause gar nicht ausgepackt sondern bleiben verpackt in der Wohnung stehen.

Die fatalen Folgen der Kaufsucht erschließen sich leicht:

  • Verschuldung
  • Partnerschaftsprobleme
  • Arbeitsplatzprobleme
  • Die Depressionen werden bei ausbleibenden Käufen verstärkt

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