Jungs, die tanzen: zwischen unangebrachter Peinlichkeit und sportlicher Herausforderung
Wer als Junge gern tanzt, hält seine Vorliebe oftmals geheim, denn er hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen: Tanzen ist Mädchensache. Balletttänzer gar werden als weibisch abgestempelt. Balletttänzer sind auf jeden Fall schwul. Dabei war das Balletttanzen auf Bühnen in seinen Anfängen Männern vorbehalten, Mädchen durften ihren Körper gar nicht in der Öffentlichkeit zur Schau stellen. Aber nicht nur beim Ballett, auch bei modernen Tanzgruppen sind Jungen heute meist in der Minderheit. Schade eigentlich, denn Tanzen macht Spaß – und ist eine ernsthafte sportliche Herausforderung.
Vorurteile einfach wegtanzen
„Ich bin zwar nur in einer Hip-Hop-Gruppe und nicht beim Ballett, trotzdem wollte meine Mutter mein neues Hobby zuerst nicht unterstützen. Erst nachdem sie eine Aufführung unserer Gruppe im Theater gesehen hatte, war sie voller Begeisterung - so wie ich“, resümiert Yannik seine Erfahrungen mit den üblichen Vorurteilen. Inzwischen trainiert er sogar mehrmals pro Woche in einer gemischten Gruppe, in der die Jungen allerdings deutlich in der Unterzahl sind. Thilo war zunächst skeptisch, als ihm ein Mädchen vorschlug, gemeinsam einen Tanzkurs zu besuchen. Er hatte selbst den Kopf voller Vorurteile. Doch mittlerweile besucht er schon den zweiten Kurs, es macht einfach Spaß und nach einem Tanzabend fühlt er sich so ausgepowert wie nach einem Besuch in der Muckibude. Und es stört ihn auch nicht mehr, wenn ihn jemand wegen des uncoolen Hobbys belächelt. Tanzen ist immer emotional, aber gerade von Jungen wird oft erwartet, dass sie keine Gefühle zeigen. Doch hier heißt es: Einfach mal mutig sein und auf die Vorurteile und Erwartungen zu pfeifen. Der Mut zum Tanzen wird belohnt mit körperlicher Fitness, seelischer Ausgeglichenheit und jeder Menge Spaß.
An der Schwelle zum Leistungssport
Tanzen ist Ganzkörpertraining: Die vier motorischen Grundeigenschaften Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Gelenkigkeit bzw. Beweglichkeit werden intensiv geschult. Und ohne Koordination geht schon mal gar nichts. Nicht nur die Beinmuskulatur, sondern auch die Muskelgruppen von Rücken, Armen und Schultern werden gekräftigt. Verspannungen, verursacht durch überwiegend sitzende Tätigkeiten, werden einfach weggetanzt. Das Gleichgewicht wird geschult und das gesamte Körpergefühl verbessert sich. Aber auch der Geist bleibt nicht untätig, denn das Tanzen in Gruppen und der Paartanz erfordern höchste Konzentration auf die Schrittfolge. Und nur wenn ein Gespür für die anderen in der Gruppe da ist, kann ein Tanz in vollkommener Harmonie gelingen. Der Musik durch den Körper Ausdruck zu verleihen, für viele ein faszinierendes Moment des Tanzens! Tanzen vereint harte Disziplin und grenzenlose Ausgelassenheit und wird nie langweilig. Und so wie Tänzerinnen nicht „leichte Mädchen“ sind, sind tanzende Jungen gewiss nicht uncool.