Oh Gott! Mein Freund ist in einer Sekte!
Da glaubt man, jemanden gut zu kennen, und plötzlich das: Freund oder Freundin reagieren ohne erkennbaren Grund plötzlich abweisend, sind zunehmend verschlossen, kehren sich vom gewohnten Freundeskreis ab, haben keine Zeit mehr. Könnte eine Sekte dahinter stecken?
Sehen wir uns das Ganze mal unvoreingenommen an
Die wichtigste Regel: Nicht in Panik verfallen, sondern erst einmal in Ruhe nachdenken: Was ist überhaupt eine Sekte und warum haben Sekten überhaupt Zulauf? Per definitionem sind Sekten von großen Religionsgemeinschaften oder Weltanschauungen abgelöste kleine Glaubensgemeinschaften. Dem Wortsinn nach kommt Sekte von lat. secta „Richtung“, von sequi, „folgen“, in der Bedeutung beeinflusst von secare, „schneiden, abtrennen“. Ursprünglich ist das eine wertneutrale Bezeichnung für eine philosophische, religiöse oder politische Gruppierung, die durch Lehre oder Ritus im Konflikt mit der herrschenden Überzeugung steht. Auch das Christentum war als Abtrennung vom Judentum zunächst nichts weiter als eine Sekte. Ist jemand in einer Sekte, wäre das zunächst nur vom Standpunkt des herrschenden Glaubens aus betrachtet etwas Schlimmes. Allerdings wird auch von neutraler Seite immer wieder auch auf Gefahren hingewiesen, die von Sekten vor allem für das Seelenleben ihrer Mitglieder ausgehen. Das sollte man ernst nehmen.
Was Sekten geben, was Sekten nehmen
Was Sekten so verführerisch macht: Sie geben einfache Antworten auf hochkomplexe Fragen. Dieser Hang zu einfachen Antworten ist nichts, was nur schlichte Gemüter auszeichnet – im Grunde will jeder Mensch einfache Antworten auf Fragen wie „Wo komme ich her?“, „Wo gehe ich hin?“ und „Was ist meine Aufgabe auf Erden?“. Wenn die Glaubensangebote der großen etablierten Kirchen wie auch weltliche Erklärungsangebote ihre Glaubwürdigkeit verlieren, bleibt da eine Leerstelle, mit der die meisten Menschen nicht gut leben können. Sie sehnen sich nach einer umfassenden Erklärung, nach der einfachen Antwort. Genau hier setzen die Angebote von Sekten an, die überdies nicht nur die gewünschten einfachen Antworten bieten, sondern auch die zwischenmenschliche Wärme einer Gemeinschaft mit anderen, vielleicht sogar überwiegend gleichaltrigen Gläubigen. Auch das ist an sich noch nicht gefährlich. Gefährlich wird es erst dann, wenn die Sekten ihre Mitglieder in eine totale Abhängigkeit zwingen und den Bruch mit dem früheren Leben sowie die Übereignung materieller Besitztümer verlangen.
Wie man versuchen kann, jemanden zurückzuholen
Wer Freunde oder Verwandte hat, die sich einer Sekte zuwenden, sollte nicht mit Abwehr, Kritik, Beschimpfung und Lächerlichmachen reagieren. Denn das könnte den Bruch beschleunigen und besiegeln – und der Sektenstrategie zur Erfüllung verhelfen: Das Sektenneuling merkt plötzlich, dass er nur noch in der Gemeinschaft der Sekte Rückhalt findet und begibt sich in eine noch tiefere Abhängigkeit. Der richtige Weg im Umgang mit an eine Sekte verlorenen Freunden wäre der: Verständnis für die Sinnsuche zeigen, den Kontakt halten, Angebote für gemeinschaftliche Erlebnisse machen, keinen Druck erzeugen, es an liebevollen Freundschaftsbezeugungen nicht fehlen lassen und nicht zuletzt: Ohne Missionierungsabsicht gemeinsam und frei über Gott und die Welt philosophieren. Gerade in der Anfangszeit einer beginnenden Sektenabhängigkeit ist es dafür oft noch nicht zu spät. Mit diesem freien Nachdenken wird offensichtlich, dass es neben dem Welterklärungsmuster der Sekte ganz viele andere und womöglich weitaus überzeugendere Angebote gibt. Sollten hingegen nicht Weltanschauungsfragen, sondern konkrete Lebensprobleme der Auslöser für den Eintritt in die Sekte gewesen sein, müsste man genau hier einsetzen und mit alternativen Problemlösungsangeboten sowie vor allem dem unverbrüchlichen freundschaftlichen Beistand aufwarten. Denn echte, tiefe Freundschaft kann vieles bewirken.