Mutproben: Verstand abgeschaltet – Grenzen aufgehoben
Immer öfter hören oder lesen wir von Jugendlichen, die reihenweise ins Koma fallen. Der Grund: Übermäßiger Alkoholgenuss. Manch einer schüttelt nur verständnislos den Kopf, andere fragen sich auch nach den Motiven für ein derartiges Verhalten. Könnte es vielleicht auch eine Art Mutprobe gewesen sein? Natürlich denkt man bei Mutproben zunächst meist an klassische Kletter-hier-rauf- oder Spring-dort-runter-Aufgaben, wie sie auch in Kinderbüchern wie den Vorstadtkrokodilen praktiziert werden. Doch mit der Zeit ändern sich auch die Mutproben.
Was ist eine Mutprobe?
An und für sich ist eine Mutprobe zunächst einmal einfach das bewusste Überschreiten einer bekannten Grenze sicherheitsbewussten Verhaltens. Bei einer Mutprobe setzt man sich seinen Ängsten aus, und versucht sie zu überwinden: Höhenangst, Angst vor Spinnen oder Angst im Dunkeln. Durch das Überwinden der eigenen Ängste kann der Charakter der Person gestärkt werden. So ist es auch heute noch bei einigen Naturvölkern Brauch, bei Initiationsriten Mutproben abzuverlangen. Auf Vanuatu stürzen sich beispielsweise junge Erwachsene nur mit einer Liane um die Knöchel aus den Baumwipfeln in die Tiefe, um zu Männern zu werden. Statt der erhofften Männlichkeit finden sie manchmal jedoch nur den Tod.
Mutproben am Rande des Wahnsinns
Hierzulande sind die meisten Mutproben zwar ungefährlicher, wie das Springen vom höchsten Sprungbrett im Schwimmbad oder das Durchqueren dunkler Wälder bei Nacht, doch es gibt auch weit aus gefährlichere, wie S-Bahn-Surfen oder Einbruch, die zusätzlich in den Bereich von Ordnungswidrigkeiten oder Straftaten fallen. Eine weitere nicht zu unterschätzende „Mutprobe“ ist die Blutsbrüderschaft. Seit Winnetou und Old Shatterhand ist dieses Ritual mit Freiheit und Abenteuer verknüpft. Schnell vergessen wird dabei jedoch, dass dadurch ganz leicht Krankheiten wie AIDS oder Hepatitis übertragen werden können. Die Blutsbrüder verbindet dann nicht nur das Blut fürs Leben, sondern zuweilen auch eine lebensbedrohliche Krankheit.
Die größte aller Mutproben: Nein sagen
Nun stellt sich manchem vielleicht die Frage, warum Menschen ein so großes Risiko eingehen. Die Gründe sind genauso vielfältig wie die Mutproben selbst. Manch einer hat einfach Spaß an Herausforderungen oder liebt den besonderen Nervenkitzel, der mit Verbotenem oder Gefährlichem verbunden ist. Andere hingegen lassen sich aus purer Langeweile zu waghalsigen Unternehmungen verleiten. Wieder andere sehen sich von ihrer Clique zu Mutproben getrieben. Besonders dieser Gruppenzwang birgt eine große Gefahr, denn gerade im Teenie-Alter will man ja oft unbedingt dazugehören. Um nicht ausgegrenzt zu werden und vielleicht seine Freunde zu verlieren, setzt man einiges aufs Spiel, um eine Mutprobe zu bestehen. Doch muss das wirklich sein? Was setzt man da nicht alles aufs Spiel: Leben, Gesundheit, Freiheit, Zukunft! Und für was und wen eigentlich? Für Freunde, die einen lieber tot oder kriminell als unmutig sehen möchten? Hier wird das „Nein-Sagen“ letztlich die größte aller Mutproben. Kommen wir zur alkoholischen Mutprobe zurück. Dort kann alles ganz harmlos beginnen mit ein, zwei Bier. Doch später nach dem Wetttrinken wacht man dann – sofern man überlebt – irgendwann im Krankenhaus auf. Denksportaufgabe: Gibt es keine besseren Wege, Mut und Charakterstärke zu beweisen?