Ich hab den Bogen raus
Ob sportlich, intuitiv oder meditativ – der Umgang mit Pfeil und Bogen fördert Konzentration und Koordination
Der traditionelle oder intuitive Zugang zum Bogenschießen ist jedem Menschen gegeben. Dafür sorgt der in uns allen noch schlummernde Urzeitjäger. Kaum ein Kind, das früher oder später nicht mit einem Flitzebogen spielen würde. Und wer weiß, was einmal daraus wird: Vielleicht wird aus der ersten Begegnung ein Hobby fürs Leben.
Bogenschießen als Sport
Wer Bogenschießen als Sport oder intensive Freizeitbeschäftigung betreiben möchte, wird nicht umhin können, sich einem Verein anzuschließen. Da der Pfeil mit seiner Durchschlagkraft und enormen Reichweite eine potenzielle Gefährdung von Mensch und Tier darstellt, ist das Üben im freien Gelände nicht zu empfehlen bzw. sogar untersagt. Vereine verfügen über entsprechende Anlagen und bieten den professionellen Einstieg in die Materie, auf den niemand verzichten sollte. Denn der Sportbogen hat mit dem Flitzebogen der Kindheit nichts gemein. Vor allem hinsichtlich der Gewalt, die hinter einem gespannten Sportbogen sitzt, sollte man sich nichts vormachen. Wer da nicht aufpasst, hat durch die zurückschnellende Sehne nämlich ganz schnell eine flächendeckende Hautabschürfung am Unterarm. Ein entsprechender Armschutz gehört deshalb unbedingt zur Grundausstattung. Der heutige Profi-Bogenschießsport kennt neben dem Sicherheitszubehör eine ganze Vielzahl von ausgefeilten technischen Hilfsmitteln, die denjenigen, die im Bogenschießen etwas Archaisches sehen, überhaupt nicht schmecken werden. Doch es gibt vermehrt auch Vereine, die sich speziell dem sogenannten intuitiven Bogenschießen widmen.
Bogenschießen (auch) als geistige Übung
Im Kyūdō, der japanischen Kunst des Bogenschießens, werden nicht nur gänzlich andere Bogenformen verwendet – auch steht ein besonderer Anspruch dahinter. Hier soll in der Spannung des Bogens und beim Schuss der Zustand des „leeren Geistes“ erreicht werden. „Leerer Geist“ meint jedoch nicht jedoch eine allgemeine ziellosen Gleichgültigkeit, sondern beschreibt den Zustand einer stark verdichteten Konzentration. Doch auch wenn die geistige Komponente stark betont wird – der Pfeil will auch hier ins Ziel. Das Ziel aber ist nicht nur einfach eine Zielscheibe, sondern höheres Ziel. Man unterscheidet drei Phasen: Toteki (der Pfeil trifft das Ziel), Kanteki (der Pfeil durchbohrt das Ziel) und Zaiteki (der Pfeil existiert im Ziel). Für die erste Phase reichen eine gute Technik und ein korrekter Bewegungsablauf aus. In der zweiten Phase ist eine zielgerichtete Dynamik erforderlich – ein hoher Grad der geistigen Konzentration. Auf der dritten Ebene steht vor dem Schuss bereits fest, dass der Pfeil trifft. Dieses kann nur erreicht werden, wenn körperliche Abläufe, Konzentration und Technik eins werden. Als höchstes Gut des Kyūdō gelten folgende drei Komponenten: Shin (Wahrheit) als technisch korrektes, mit der richtigen Gesinnung erfülltes Schießen; Zen (Güte) als Inbegriff positiver Eigenschaften wie Höflichkeit, Mitgefühl, Sittlichkeit, und Friedfertigkeit. Zen äußert sich in angemessener Haltung und angemessenem Verhalten in allen Lebenslagen, auch bei Stress oder in Konflikten. Bi (Schönheit) findet ihren Ausdruck in der besonderen Erscheinungsform und der künstlerischen Gestaltung des Bogens sowie der traditionellen Bekleidung des Schützen.