Fastenzeit: Materieller Verzicht und spirituelle Aspekte
Über die Themen Nulldiät und Heilfasten haben wir bereits im Februar ausführlich berichtet. Heute soll es um einen anderen Aspekt des Fastens gehen, der nichts mit Essen zu tun hat und auch nicht unbedingt zum Abnehmen taugt, aber entscheidend zur geistigen Entschlackung beitragen und sogar dem ganzen Leben eine Wende geben kann. Gemeint ist das Fasten als Verzicht auf materielle Dinge und Unterhaltungskonsum im Sinne einer Konzentration aufs Wesentliche. Davon profitieren gerade auch junge Menschen. Denn diese Konzentration hilft, den eigenen Weg besser zu erkennen.
Ursprünglicher Sinn des Fastens
Das Fasten war ursprünglich keine Diätmaßnahme, sondern gehört auch heute noch zu den wichtigsten spirituellen Ritualen von Priestern und Gläubigen vieler Religionen. Der temporäre Verzicht auf Speisen, auf Teilnahme am Weltlichen und manchmal auch auf Schlaf entrückt den Fastenden dem gewohnten Alltag und bringt ihn – vom Standpunkt seiner Religion aus betrachtet – seiner eigentlichen Lebensmitte näher: Gott, den Göttern oder Mutter Erde. Alltag wird als Ablenkung begriffen, Fasten durchbricht den Alltag und bringt die Menschen ihrem wahren Daseinsgrund wieder näher. Auch wer keine besonderen religiösen Überzeugungen hat, kann diese geistige Dimension des Fastens für sein Seelenleben und zur Herausbildung seiner Persönlichkeit nutzen.
Verzicht nimmt nicht nur, Verzicht gibt auch etwas
Wer – ganz profan – auf Alkohol und Tabak verzichtet, macht nach einigen Tagen oder Wochen der Entbehrung plötzlich eine erstaunliche Entdeckung: Man atmet wieder freier, der Geist ist heller und wacher, man wird körperlich und geistig beweglicher. Der Verzicht nimmt also nicht nur, er gibt auch etwas – das Leben des Verzichtenden beginnt sich positiv zu verändern. Nehmen wir nun einmal an, es würden weitere Verzichtsabsichten umgesetzt werden: Der Fernsehverzicht und der Verzicht auf Onlinespiele etwa belohnen denjenigen, der verzichtet, reichlich mit einem Übermaß an freier Lebenszeit. Freie Zeit, die nicht etwa in Langeweile und Müßiggang verstreichen muss, sondern die einen Zeitfreiraum eröffnet, der mit sinnvollen Tätigkeiten aktiv gefüllt werden kann: sozialem Engagement, künstlerischer Betätigung, anspruchsvollen Hobbys, intensiver Sportausübung, Erlernen von Fremdsprachen. Für all dies wäre kaum Zeit, würde man weiterhin in seiner Freizeit die bundesweit im Durchschnitt üblichen drei bis vier Stunden vor einem TV- oder PC-Bildschirm verbringen. Der Verzicht gibt Ihnen etwas Neues, Wertvolles. Keine Sorge deshalb, dass Sie zum lebensfernen Asketen mutieren. Sie bringen nur Ihre Persönlichkeit etwas auf Vordermann.
Letzter Fasten-Schliff: Machtaskese im täglichen Miteinander
Sie können noch einen Schritt weiter gehen und auch Ihr Auftreten gegenüber anderen einer Fastenkur unterziehen: Neigen Sie etwa dazu, andere zu bevormunden, ihnen Ihren Meinungsstempel aufzudrücken und sich selbst als Vorbild oder Meinungsführer zu positionieren? Dann erproben Sie den Verzicht. Nehmen Sie sich selbst zurück. Lassen Sie die Machtspielchen sein, akzeptieren Sie, dass Sie nicht im Besitz ewiger Wahrheit und Größe sind. Steigen Sie von Ihrem Podest herunter und öffnen Sie sich für das, was andere Ihnen mitzuteilen haben. Lassen Sie sich auf deren Denken und Empfinden ein. Dann werden Sie an sich selbst völlig neue Eigenschaften und Einsichten bemerken: Wie Sie auf Ungewohntes reagieren, was Sie Überraschendes mit neuen Einsichten anfangen können, wie sich Ihr Verhältnis zu anderen verändert. Auch hier gilt: Der Verzicht gibt mehr, als er nimmt.